Pädagogik hat sich über viele Jahre entwickelt. Viele Fehlentwicklungen der Vergangenheit konnten dabei verabschiedet werden. Wir müssen aber feststellen, dass die gängigen Methoden heute kaum noch in der Lage sind, mit der diversen Gesellschaft und der hohen Variabilität bei Bildungsstand und den unterschiedlichen Rahmen im Elternhaus mitzuhalten. Der Zusammenhang von sozialem Stand und Chancen im Bildungssystem ist in Deutschland so stark wie kaum woanders. Diese Situation hat sich in den letzten Jahrzehnten verschlechtert und hat nach allen Studien durchaus mit Sprache, also auch mit Migration zu tun.
Der zunehmende pädagogische Trend zu mehr Eigenverantwortung und intrinsischer Motivation funktioniert für einen Teil der Gesellschaft wunderbar, für einen anderen Teil aber überhaupt nicht mehr. Aus meiner Sicht wäre es daher sinnvoll, viel individueller vorzugehen. Auf der einen Seite ist Stringenz und eine gewisse Autorität bei Kindern aus mehr oder weniger patriarchalisch geprägten Kulturen essentiell, um Lernerfolge zu erzielen. Auf der anderen Seite braucht es moderne Methoden, um Wissen zu vermitteln und heute noch viel wichtiger, den Spaß am Lernen. Wir müssen individuelle Talente erkennen, Menschen mit hohem Betreuungsbedarf fördern und Menschen mit ausgeprägten Talenten Räume geben, sich zu entfalten. Wir müssen also individueller werden und diverser. Es braucht verbindlichen Sprachunterricht im Kindergarten und es braucht in jeder Klasse immer zwei Lehrer:innen. Es macht auch Sinn, dass wir Kinder in temporäre Gruppen aufteilen und so individuelle Förderung ermöglichen; Inklusion ist ein guter Gedanke, funktioniert aber nur, wenn zum einen die Ressourcen dafür da sind und zum anderen die Heterogenität in der Klasse nicht zu groß ist. Ansonsten führt es zu Überforderung auf allen Seiten.
Es braucht aber vor allem ein klares Wertesystem, an dem sich alle orientieren können und das nicht nur postuliert wird, sondern konsequent umgesetzt und gelebt wird. Hier hapert es meines Erachtens in unserem Bildungssystem.
Dieser Diversität muss man auch bei der Ausbildung gerecht werden. Abgesehen von einer stärkeren Begleitung der Betrieb braucht es modulare Ausbildungsformen um mehr Menschen einen Abschluss nach ihren Möglichkeiten zu ermöglichen, der dann bei Bedarf weiterentwickelt werden kann.
Und natürlich braucht es einen professionelleren und ganzheitlicheren Digitalisierungsansatz in Schule und Berufsschule.
Die Berufsausbildung benötigt ein modulares System, in dem wir je nach Potential zum einen Ausbildung in verschiedenen Stufen realisieren können. In Verbindung mit einem Recht zur Weiterbildung können so mehr Menschen zu einem Abschluss kommen, auch die, die im ersten Schritt eine dreieinhalbjährige Ausbildung nicht schaffen könnten. Dazu braucht es umfangreiche Begleitmaßnahmen zur Unterstützung der Betriebe und der Auszubildenden, wie sie z.B. im Maßnahmenpaket des Bremer Ausbildungsfonds beschrieben sind.
Alles in allem braucht es eine an die Realitäten angepasste Pädagogik, die viel stärker individualisiert sein muss. Mehr Rahmen für die einen, mehr Freiheit für die anderen und die Ressourcen zu erkennen, was das jeweilige Kind benötigt. Kultursensibilität ist dabei wichtig aber nicht als Rechtfertigung für Passivität, sondern als Kontext für die angemessenen Umgang mit dem Kind, um ihm oder ihr die Möglichkeiten zu eröffnen, die dabei hilft seinen oder ihren Weg im Leben zu finden.
Um das herzustellen, müssen wir auch in der Ausbildung neue Wege gehen. Dazu braucht es auf allen Seiten den Mut, sich von gewohntem und gelernten zu verabschieden. Vielleicht sollten wir, wie in anderen Bereichen auch, gar nicht so viel im bestehenden System verändern, sondern ganz neu denken und eine neue Pädagogik entwickeln.


